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Verweigerung als Lebensentwurf: eine Analyse der Strukturen literarischer Verweigerung bei Robert Walser, Wilhelm Genazino und Kurt Aebli

(2014)
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In der vorliegenden Arbeit wird die inhaltliche wie formale Ausformung einer Verweigerung als Lebensentwurf in Jakob von Gunten (1909) von Robert Walser (1878-1956), Wilhelm Genazinos (*1943) Abschaffel-Trilogie (1977-79) sowie den Romanen Mittelmäßiges Heimweh (2007) und Das Glück in glücksfernen Zeiten (2009) und Kurt Aeblis (*1955) Frederik (1997) sowie Der ins Herz getroffene Punkt (2005) und Der Unvorbereitete (2009) untersucht. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob der literarischen Verweigerung eine schöpferische Wirkung zugeschrieben werden kann und inwiefern dadurch die Titulierung als Lebensentwurf gerechtfertigt würde. In seiner allgemeinsprachlichen Bedeutung scheint die gestalterisch-positive Konnotation des Begriffs ‚Entwurf‘ der Thematik sowie dem Gebrauchskontext der Verweigerung zu widersprechen. Verweigerung wird in der Regel mit einer negativ konnotierten Handlung gleichgesetzt oder als die vollständige Unterlassung eines Tuns verstanden. Dies zeigt sich in häufig synonym benutzten Ausdrücken wie Ablehnung oder Zurückweisung. Der Begriff ‚Verweigerung‘ wird im Sinne eines Versäumnisses, also einer Tat, die eigentlich hätte vollzogen werden müssen, benutzt und kann unter Umständen als Vorwurf, eine Unrechtmäßigkeit begangen zu haben, ungehorsam gewesen zu sein, dienen. Weiterhin unterhält die Verweigerung eine enge Beziehung zu dem Wörtchen ‚Nein‘ sowie dem Präfix ‚nicht-‘, wie etwa in Nicht-Tun oder Nicht-Sein. Der Entwurf stellt hingegen einen Ausgangspunkt dar, auf dessen Folie sich ein größeres Projekt entwickelt. Er setzt folglich eine Handlung im schöpferischen Sinne in Gang. In dieser Studie wird ‚Entwurf‘ in dem Kompositum ‚Lebensentwurf‘ als Leitbegriff benutzt. Die Tendenz der Vorläufigkeit, die der Bezeichnung innewohnt, trägt maßgeblich zu ihrer Eignung bei, da hier eine Variabilität zum Ausdruck kommt, der die Protagonisten huldigen und die sie in Abgrenzung von einer Festlegung menschlicher Identität durch gesellschaftliche (Norm-) Vorstellungen in ihrem eigenen Sein erkennen. Die Setzung ‚Verweigerung als Lebensentwurf‘ birgt somit die Möglichkeit, den Widerspruch zwischen Handlung und Nicht-Handlung, zwischen aktivem und passivem Sein in einem Konzept zusammenzuführen und den herausfordernden Umgang, den alle Protagonisten der Untersuchung mit den Lebensansprüchen ihrer Umwelt pflegen sowie ihre Versuche, diesen ein selbstbestimmtes (Nicht-) Handeln entgegen zu halten, als Priorität des Lebensentwurfs der Verweigerung zu fassen. Die Verweigerung, in den zivileren Versionen eine Spielart devianten Lebensstils, in radikalen Varianten eine Vernichtungsstrategie, wird in dieser Untersuchung als Lebensentwurf verstanden und ist spätestens in der Moderne gleichermaßen zur sozialen Taktik wie zum zentralen literarischen Topos avanciert. Immer wieder findet sich im Mittelpunkt des literarischen Geschehens eine Verweigerung, die bald auf sämtliche Themen und Motive im Text, bisweilen sogar auf dessen äußere Form Einfluss nimmt. Im Zeitalter der Normierung und Kontrolle keineswegs nur technischer Abläufe kann sich Verweigerung zu einer paradigmatischen Gegenprägung der Handlungen von Protagonisten, ihrer Gefühlsäußerungen und Wahrnehmungsstrukturen verfestigen. Das Nicht-(Mehr)-Tun, das Nicht-Wollen, schließlich das Nicht-Sein wird umfassender Ausdruck einer anders kaum kommunizierbaren Verweigerungshaltung, die ihr anhaltendes Erschütterungspotential häufig gerade aus dem Fehlen kausaler Zusammenhänge bezieht. Die Verweigerung lässt sich unter Berücksichtigung der Vielfalt ihrer Bedeutung und Deutung als Basisbestandteil der Romanpoetik des Anti-Helden im 20. Jahrhundert begreifen. Sie auf bestimmte Paradigmen festzulegen und daraus wiederkehrende Poetologien abzuleiten, erscheint als kaum realisierbares Unterfangen, das zudem die Polyvalenz wie Polysemie der Verweigerung unzulässig beschränkte. Die verschiedenen Ausprägungen der Verweigerung erstrecken sich in dem oben benannten Textkorpus von der Identitätsverweigerung, über Vermeidungsstrategien einer lebensweltlichen Teilhabe bis zu der kritischen Hinterfragung, eigenmächtigen Anpassung und interperspektiven Selbstsituierung hinsichtlich der dialektischen Strukturen von (Alltags-) Normalität und Abweichung sowie An- und Abwesenheit. Gleichwohl lassen sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts zentrale kultur- und gesellschaftstheoretische Konzepte ausmachen, die einen nachhaltigen Einfluss auch auf das haben, was als Figurationen der Verweigerung zu deuten wäre und die mitbestimmen, was diese zum Ausdruck bringen wollen und im kulturgeschichtlichen Kontext bedeuten können. Aus diesen Überlegungen heraus fiel die Entscheidung, sich der Verweigerung nicht über typologische Kategorisierungen, sondern mithilfe zentraler gesellschaftstheoretischer und -philosophischer Konzepte zu nähern, wodurch ihr Potential als Lebensentwurf, auch in der Betonung gemeinsamer Ansätze, hervorgehoben wird und lückenlose Hierarchisierungen, apodiktische Zuschreibungen sowie vor allem schwierige Abgrenzungen verschiedener Verweigerer-Typen vermieden werden können. Auf drei der kontextuellen Grundlagen, die der Verweigerungsthematik besonders nahestehen, zentrale Zusammenhänge aufweisen, in ihrer Unterschiedlichkeit aber auch deren Multiperspektivität spiegeln, wird in der Untersuchung näher eingegangen. Es handelt sich dabei erstens um die Faktoren Zeit und Raum. Die diesbezüglichen Neuorientierungen in der Wahrnehmung wurden maßgeblich durch die veränderten Bedingungen der Großstadt-Moderne geprägt, die nicht nur Fragen nach den Wechselwirkungen zwischen Stadt und Mensch bzw. Masse und Individuum nach sich zogen, sondern grundlegend ein Nachdenken über Identität, ihre Beschaffenheit sowie ihre zeitlichen und räumlichen Bedingungen beförderte. Zweitens wird mithilfe der Diskussion um die Bedingtheit und das Produzieren von Abläufen, die vermeintliche Normalität generieren und die folglich Fragen zu dem Zusammenhang, aber auch den Wechselwirkungen von Norm und Abweichung aufwerfen, dem subversiven Potential der Verweigerung Rechnung getragen. Zu diesem Themenkomplex gehört auch die kultursoziologische Problematisierung der Institutionalisierung von Räumlichkeit, die der Darstellung von Verweigerungsprozessen in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts ebenfalls Vorschub geleistet hat. Drittens und letztens wird der Blick auf das kulturgeschichtliche Konzept der Spur gelenkt, dessen integrativer Bestandteil das Zusammenspiel von An- und Abwesenheit ist. Die Spur kann somit zu einer Verortungsfläche der Verweigerung werden, da die Möglichkeit entsteht, eine mitunter vorschnelle Dichotomisierung zentraler Lebenskategorien kritisch zu hinterfragen. Die Beschränkung der Untersuchungsgrundlage auf sieben Prosatexte einerseits und die Entgrenzung sowie Diskontinuität mit Blick auf den Entstehungszeitraum andererseits ermöglicht einen genauen Blick auf die unterschiedlichen Spezifika der Verweigerung und lässt Raum für das Erkennen von Konstanten, ohne gleichzeitig den Blick auf die Ambiguitäten und Individualitäten des Themas in unterschiedlichen Kontexten zu verstellen. Der Mehrwert dieses Verfahrens zeigt sich in Bezug auf die zentrale Frage nach der Brauchbarkeit einer Lebenshaltung, die sich maßgeblich aus Verweigerungen generiert, in der Chance, die wichtigsten thematischen Ausprägungen in einem Tagebuch-Roman der klassischen Moderne, einer Angestellten-Trilogie aus den späten 1970er Jahren sowie Gegenwartsprosa zusammen zu tragen und somit über den langen zeitlichen Bogen hinweg die Konstanten und Polyvalenzen des Potentials der Verweigerung nachzeichnen zu können. Die jeweilige spezifische Entfaltung der Verweigerung und ihr Einfluss auf das Verhältnis des Protagonisten zu seiner Umwelt sowie seiner eigenen Identität werden eingehend beleuchtet. Weiterhin werden die zentralen topografischen Aspekte und topologischen Bewegungen bzw. Verschiebungen in den Primärtexten berücksichtigt, aus denen sich Rückschlüsse auf die strukturelle Ausgestaltung einer Verweigerung als Lebensentwurf ziehen lassen. Neben diese Gesichtspunkte, die Leitfäden in allen drei Teilen der Untersuchung bilden, treten die textspezifischen Schwerpunktsetzungen, anhand derer sich zeigen lässt, zu welch unterschiedlicher Gestalt die Verweigerung gelangen, dass sie etwa als Bewältigungsstrategie, als Normkritik oder als Spur, die zeitliches und räumliches Sein oder Nicht-Sein hinterfragt, gelesen werden kann. Die ausgewählten Primärtexte zeigen trotz ihrer Heterogenität Konstanten in den Verweigerungsgesten, die die Folgerung zulassen, dass sich nicht nur innerhalb des Textkorpus ein Tertium Comparationis ausmachen lässt, sondern dass gewisse wiederkehrende Strukturprinzipien und Muster als der literarischen Verweigerung inhärent angesehen werden müssen.
Keywords
Präsenz, Absenz, Spur, Norm, Abweichung, Kurt Aebli, Wilhelm Genazino, Robert Walser, Verweigerung

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Benzing, Carolin Juliane. 2014. “Verweigerung Als Lebensentwurf: Eine Analyse Der Strukturen Literarischer Verweigerung Bei Robert Walser, Wilhelm Genazino Und Kurt Aebli”. Gent: Universiteit Gent. Faculteit Letteren en Wijsbegeerte.
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Benzing, C. J. (2014). Verweigerung als Lebensentwurf: eine Analyse der Strukturen literarischer Verweigerung bei Robert Walser, Wilhelm Genazino und Kurt Aebli. Universiteit Gent. Faculteit Letteren en Wijsbegeerte, Gent.
Vancouver
1.
Benzing CJ. Verweigerung als Lebensentwurf: eine Analyse der Strukturen literarischer Verweigerung bei Robert Walser, Wilhelm Genazino und Kurt Aebli. [Gent]: Universiteit Gent. Faculteit Letteren en Wijsbegeerte; 2014.
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Benzing, Carolin Juliane. “Verweigerung Als Lebensentwurf: Eine Analyse Der Strukturen Literarischer Verweigerung Bei Robert Walser, Wilhelm Genazino Und Kurt Aebli.” 2014 : n. pag. Print.
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  abstract     = {In der vorliegenden Arbeit wird die inhaltliche wie formale Ausformung einer Verweigerung als Lebensentwurf in Jakob von Gunten (1909) von Robert Walser (1878-1956), Wilhelm Genazinos (*1943) Abschaffel-Trilogie (1977-79) sowie den Romanen Mittelm{\"a}{\ss}iges Heimweh (2007) und Das Gl{\"u}ck in gl{\"u}cksfernen Zeiten (2009) und Kurt Aeblis (*1955) Frederik (1997) sowie Der ins Herz getroffene Punkt (2005) und Der Unvorbereitete (2009) untersucht. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob der literarischen Verweigerung eine sch{\"o}pferische Wirkung zugeschrieben werden kann und inwiefern dadurch die Titulierung als Lebensentwurf gerechtfertigt w{\"u}rde.
In seiner allgemeinsprachlichen Bedeutung scheint die gestalterisch-positive Konnotation des Begriffs {\quotesinglbase}Entwurf{\textquoteleft} der Thematik sowie dem Gebrauchskontext der Verweigerung zu widersprechen. Verweigerung wird in der Regel mit einer negativ konnotierten Handlung gleichgesetzt oder als die vollst{\"a}ndige Unterlassung eines Tuns verstanden. Dies zeigt sich in h{\"a}ufig synonym benutzten Ausdr{\"u}cken wie Ablehnung oder Zur{\"u}ckweisung. Der Begriff {\quotesinglbase}Verweigerung{\textquoteleft} wird im Sinne eines Vers{\"a}umnisses, also einer Tat, die eigentlich h{\"a}tte vollzogen werden m{\"u}ssen, benutzt und kann unter Umst{\"a}nden als Vorwurf, eine Unrechtm{\"a}{\ss}igkeit begangen zu haben, ungehorsam gewesen zu sein, dienen. Weiterhin unterh{\"a}lt die Verweigerung eine enge Beziehung zu dem W{\"o}rtchen {\quotesinglbase}Nein{\textquoteleft} sowie dem Pr{\"a}fix {\quotesinglbase}nicht-{\textquoteleft}, wie etwa in Nicht-Tun oder Nicht-Sein. Der Entwurf stellt hingegen einen Ausgangspunkt dar, auf dessen Folie sich ein gr{\"o}{\ss}eres Projekt entwickelt. Er setzt folglich eine Handlung im sch{\"o}pferischen Sinne in Gang. In dieser Studie wird {\quotesinglbase}Entwurf{\textquoteleft} in dem Kompositum {\quotesinglbase}Lebensentwurf{\textquoteleft} als Leitbegriff benutzt. Die Tendenz der Vorl{\"a}ufigkeit, die der Bezeichnung innewohnt, tr{\"a}gt ma{\ss}geblich zu ihrer Eignung bei, da hier eine Variabilit{\"a}t zum Ausdruck kommt, der die Protagonisten huldigen und die sie in Abgrenzung von einer Festlegung menschlicher Identit{\"a}t durch gesellschaftliche (Norm-) Vorstellungen in ihrem eigenen Sein erkennen. Die Setzung {\quotesinglbase}Verweigerung als Lebensentwurf{\textquoteleft} birgt somit die M{\"o}glichkeit, den Widerspruch zwischen Handlung und Nicht-Handlung, zwischen aktivem und passivem Sein in einem Konzept zusammenzuf{\"u}hren und den herausfordernden Umgang, den alle Protagonisten der Untersuchung mit den Lebensanspr{\"u}chen ihrer Umwelt pflegen sowie ihre Versuche, diesen ein selbstbestimmtes (Nicht-) Handeln entgegen zu halten, als Priorit{\"a}t des Lebensentwurfs der Verweigerung zu fassen.
Die Verweigerung, in den zivileren Versionen eine Spielart devianten Lebensstils, in radikalen Varianten eine Vernichtungsstrategie, wird in dieser Untersuchung als Lebensentwurf verstanden und ist sp{\"a}testens in der Moderne gleicherma{\ss}en zur sozialen Taktik wie zum zentralen literarischen Topos avanciert. Immer wieder findet sich im Mittelpunkt des literarischen Geschehens eine Verweigerung, die bald auf s{\"a}mtliche Themen und Motive im Text, bisweilen sogar auf dessen {\"a}u{\ss}ere Form Einfluss nimmt. Im Zeitalter der Normierung und Kontrolle keineswegs nur technischer Abl{\"a}ufe kann sich Verweigerung zu einer paradigmatischen Gegenpr{\"a}gung der Handlungen von Protagonisten, ihrer Gef{\"u}hls{\"a}u{\ss}erungen und Wahrnehmungsstrukturen verfestigen. Das Nicht-(Mehr)-Tun, das Nicht-Wollen, schlie{\ss}lich das Nicht-Sein wird umfassender Ausdruck einer anders kaum kommunizierbaren Verweigerungshaltung, die ihr anhaltendes Ersch{\"u}tterungspotential h{\"a}ufig gerade aus dem Fehlen kausaler Zusammenh{\"a}nge bezieht. 
Die Verweigerung l{\"a}sst sich unter Ber{\"u}cksichtigung der Vielfalt ihrer Bedeutung und Deutung als Basisbestandteil der Romanpoetik des Anti-Helden im 20. Jahrhundert begreifen. Sie auf bestimmte Paradigmen festzulegen und daraus wiederkehrende Poetologien abzuleiten, erscheint als kaum realisierbares Unterfangen, das zudem die Polyvalenz wie Polysemie der Verweigerung unzul{\"a}ssig beschr{\"a}nkte. Die verschiedenen Auspr{\"a}gungen der Verweigerung erstrecken sich in dem oben benannten Textkorpus von der Identit{\"a}tsverweigerung, {\"u}ber Vermeidungsstrategien einer lebensweltlichen Teilhabe bis zu der kritischen Hinterfragung, eigenm{\"a}chtigen Anpassung und interperspektiven Selbstsituierung hinsichtlich der dialektischen Strukturen von (Alltags-) Normalit{\"a}t und Abweichung sowie An- und Abwesenheit. Gleichwohl lassen sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts zentrale kultur- und gesellschaftstheoretische Konzepte ausmachen, die einen nachhaltigen Einfluss auch auf das haben, was als Figurationen der Verweigerung zu deuten w{\"a}re und die mitbestimmen, was diese zum Ausdruck bringen wollen und im kulturgeschichtlichen Kontext bedeuten k{\"o}nnen. Aus diesen {\"U}berlegungen heraus fiel die Entscheidung, sich der Verweigerung nicht {\"u}ber typologische Kategorisierungen, sondern mithilfe zentraler gesellschaftstheoretischer und -philosophischer Konzepte zu n{\"a}hern, wodurch ihr Potential als Lebensentwurf, auch in der Betonung gemeinsamer Ans{\"a}tze, hervorgehoben wird und l{\"u}ckenlose Hierarchisierungen, apodiktische Zuschreibungen sowie vor allem schwierige Abgrenzungen verschiedener Verweigerer-Typen vermieden werden k{\"o}nnen. Auf drei der kontextuellen Grundlagen, die der Verweigerungsthematik besonders nahestehen, zentrale Zusammenh{\"a}nge aufweisen, in ihrer Unterschiedlichkeit aber auch deren Multiperspektivit{\"a}t spiegeln, wird in der Untersuchung n{\"a}her eingegangen. Es handelt sich dabei erstens um die Faktoren Zeit und Raum. Die diesbez{\"u}glichen Neuorientierungen in der Wahrnehmung wurden ma{\ss}geblich durch die ver{\"a}nderten Bedingungen der Gro{\ss}stadt-Moderne gepr{\"a}gt, die nicht nur Fragen nach den Wechselwirkungen zwischen Stadt und Mensch bzw. Masse und Individuum nach sich zogen, sondern grundlegend ein Nachdenken {\"u}ber Identit{\"a}t, ihre Beschaffenheit sowie ihre zeitlichen und r{\"a}umlichen Bedingungen bef{\"o}rderte. Zweitens wird mithilfe der Diskussion um die Bedingtheit und das Produzieren von Abl{\"a}ufen, die vermeintliche Normalit{\"a}t generieren und die folglich Fragen zu dem Zusammenhang, aber auch den Wechselwirkungen von Norm und Abweichung aufwerfen, dem subversiven Potential der Verweigerung Rechnung getragen. Zu diesem Themenkomplex geh{\"o}rt auch die kultursoziologische Problematisierung der Institutionalisierung von R{\"a}umlichkeit, die der Darstellung von Verweigerungsprozessen in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts ebenfalls Vorschub geleistet hat. Drittens und letztens wird der Blick auf das kulturgeschichtliche Konzept der Spur gelenkt, dessen integrativer Bestandteil das Zusammenspiel von An- und Abwesenheit ist. Die Spur kann somit zu einer Verortungsfl{\"a}che der Verweigerung werden, da die M{\"o}glichkeit entsteht, eine mitunter vorschnelle Dichotomisierung zentraler Lebenskategorien kritisch zu hinterfragen. 
Die Beschr{\"a}nkung der Untersuchungsgrundlage auf sieben Prosatexte einerseits und die Entgrenzung sowie Diskontinuit{\"a}t mit Blick auf den Entstehungszeitraum andererseits erm{\"o}glicht einen genauen Blick auf die unterschiedlichen Spezifika der Verweigerung und l{\"a}sst Raum f{\"u}r das Erkennen von Konstanten, ohne gleichzeitig den Blick auf die Ambiguit{\"a}ten und Individualit{\"a}ten des Themas in unterschiedlichen Kontexten zu verstellen. Der Mehrwert dieses Verfahrens zeigt sich in Bezug auf die zentrale Frage nach der Brauchbarkeit einer Lebenshaltung, die sich ma{\ss}geblich aus Verweigerungen generiert, in der Chance, die wichtigsten thematischen Auspr{\"a}gungen in einem Tagebuch-Roman der klassischen Moderne, einer Angestellten-Trilogie aus den sp{\"a}ten 1970er Jahren sowie Gegenwartsprosa zusammen zu tragen und somit {\"u}ber den langen zeitlichen Bogen hinweg die Konstanten und Polyvalenzen des Potentials der Verweigerung nachzeichnen zu k{\"o}nnen. Die jeweilige spezifische Entfaltung der Verweigerung und ihr Einfluss auf das Verh{\"a}ltnis des Protagonisten zu seiner Umwelt sowie seiner eigenen Identit{\"a}t werden eingehend beleuchtet. Weiterhin werden die zentralen topografischen Aspekte und topologischen Bewegungen bzw. Verschiebungen in den Prim{\"a}rtexten ber{\"u}cksichtigt, aus denen sich R{\"u}ckschl{\"u}sse auf die strukturelle Ausgestaltung einer Verweigerung als Lebensentwurf ziehen lassen. Neben diese Gesichtspunkte, die Leitf{\"a}den in allen drei Teilen der Untersuchung bilden, treten die textspezifischen Schwerpunktsetzungen, anhand derer sich zeigen l{\"a}sst, zu welch unterschiedlicher Gestalt die Verweigerung gelangen, dass sie etwa als Bew{\"a}ltigungsstrategie, als Normkritik oder als Spur, die zeitliches und r{\"a}umliches Sein oder Nicht-Sein hinterfragt, gelesen werden kann. Die ausgew{\"a}hlten Prim{\"a}rtexte zeigen trotz ihrer Heterogenit{\"a}t Konstanten in den Verweigerungsgesten, die die Folgerung zulassen, dass sich nicht nur innerhalb des Textkorpus ein Tertium Comparationis ausmachen l{\"a}sst, sondern dass gewisse wiederkehrende Strukturprinzipien und Muster als der literarischen Verweigerung inh{\"a}rent angesehen werden m{\"u}ssen.},
  author       = {Benzing, Carolin Juliane},
  isbn         = {9789461972415},
  keyword      = {Pr{\"a}senz,Absenz,Spur,Norm,Abweichung,Kurt Aebli,Wilhelm Genazino,Robert Walser,Verweigerung},
  language     = {ger},
  pages        = {276},
  publisher    = {Universiteit Gent. Faculteit Letteren en Wijsbegeerte},
  school       = {Ghent University},
  title        = {Verweigerung als Lebensentwurf: eine Analyse der Strukturen literarischer Verweigerung bei Robert Walser, Wilhelm Genazino und Kurt Aebli},
  year         = {2014},
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